Mössinger Generalstreik
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Politische Entwicklungslinien

Als ein „halsstarrisches, rebellisches Gesindlein“ beschrieb ein württembergischer Beamter 1607 die Mössinger, mit denen er seine liebe Mühe hatte. Diese gern zitierte Aussage kolportiert auf volkstümliche Weise die Charakterisierung einer besonderen örtlichen Widerständigkeit gegen die Obrigkeit. Im Jahre 1827 scheint diese Zuschreibung durch einen dörflichen Aufruhr bestätigt, in dem sich die Mössinger gegen die von Amtswegen angeordnete Einsetzung des unbeliebten Schultheißen (Bürgermeister) Ludwig Ruoff verwehrten. Erst durch die Stationierung von Soldaten und die Verhaftung der Anführer konnte sich der Oberamtmann (Landrat) gegen den Widerstand der Mössinger durchsetzen. Ob sich an diesen Ereignissen und im Vergleich zu anderen Orten jedoch eine besondere Renitenz der Mössinger festmachen lässt, bleibt offen.

 

Eine Erklärung für die Vorbehalte der Mössinger gegen die Entscheidungen der oberen Behörde lag im Falle Ruoff auch darin, dass man sich "fremdregiert" fühlte. 1810 war das jahrhundertelang zum Amt Tübingen gehörige, evangelisch-pietistische Mössingen dem überwiegend katholischen Oberamt Rottenburg zugeteilt worden. Mit den umliegenden Gemeinden des Steinlachtals bildete der Ort in dem Verwaltungsbezirk eine Art konfessionelle Enklave, deren unterschiedliche Prägung sich auch in den Wahlergebnissen der Kaiserreichzeit niederschlug. Während im katholischen Gebiet und in der Amtsstadt selbst die katholische Zentrumspartei stark war, wählten die Mössinger überwiegend linksliberal. 1893 erzielte der Kandidat der Demokratischen Volkspartei (DVP) Friedrich Payer 83,4 Prozent. Das entsprach dem gängigen württembergischen Wahlmuster: Die Volkspartei war die Partei der Protestanten, der „Antipreußen“ sowie der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden. Als die Sozialdemokraten 1898 im Wahlkreis erstmals einen Kandidaten stellten, wählten bereits 33 Mössinger die SPD. Drei Jahre später wurde in Mössingen eine SPD-Ortsgruppe, der „Bezirksverein Steinlachtal“, gegründet. Bei den Reichstagswahlen erlangte sie 1903 bereits 33,6 Prozent, 1912 sogar 42 Prozent.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg spalteten sich die USPD und später die KPD links von der SPD ab. Anders als im Reich oder in Württemberg wurde in Mössingen die KPD die vorherrschende Partei im Milieu der „kleinen Leute“ aus Arbeitern, Handwerkern und Kleinbauern. Bei den Reichstagswahlen 1924 und 1928 erzielten die Kommunisten mit 26,5 bzw. 25,8 Prozent das jeweils höchste Ergebnis im Ort, während die SPD bis zum Ende der Weimarer Republik immer weiter an Boden verlor. Doch die örtlichen Wahlergebnisse beschreiben kein Gegeneinander. Im dörflichen Alltag blieben Sozialdemokraten und Kommunisten einander im Milieu der Arbeitervereine verbunden. Die Abgrenzung der Kommunisten auf Reichsebene, die die Sozialdemokraten ab 1929 zunehmend als „Sozialfaschisten“ ablehnten, fand in Mössingen nicht statt. Daran wird auch deutlich, dass die Direktiven der Kaderpartei in Mössingen nicht unbedingt Geltung fanden. Die Mössinger Kommunisten positionierten sich pragmatisch. Im Gemeinderat, der in der Weimarer Republik durchgängig zu etwa Zweidritteln bürgerlich-konservativ geprägt war, bildeten KPD und SPD zusammen einen Block von mindestens fünf der insgesamt 16 Abgeordneten.

 

Trotz starker politischer Gegensätze zwischen Bürgerlichen und Linken arbeitete man bis Anfang der 1930er-Jahre gut zusammen. Gemeinsam brachte der Gemeinderat Bauprojekte wie die Kanalisation, eine Wasserleitung, die Erschließung eines neuen Wohngebiets und ein öffentliches Gemeindebad auf den Weg. Zu dieser realistisch-pragmatischen Gemeinderatsarbeit trug nicht zuletzt der kompromissorientierte Bürgermeister Karl Jaggy bei.

 

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 führte auch in Mössingen zu hoher Arbeitslosigkeit und großer Not. Das politische Klima wurde deutlich rauer, die sozialen Gegensätze verschärften sich und ein großer Teil von früheren Nichtwählern wurde mobilisiert. 1930 verzeichnete die pietistisch-konservative Partei des Christlich-Sozialen Volksdienstes (CSVD) in Mössingen auf Anhieb 39 Prozent. Aus der Reichstagswahl 1932 gingen dann vor allem zwei Parteien mit starken Zuwächsen hervor: Die KPD erreichte 32 Prozent, die NSDAP 43 Prozent (Überblick über die Wahlergebnisse). Die hohen Zugewinne der Nationalsozialisten dokumentieren dabei weniger ein Erstarken des rechten Parteienmilieus als vielmehr ein Protestwahlverhalten gegenüber der starken und selbstbewussten Linken im Ort. Das Erstarken der Extreme auf beiden Seiten des Parteienspektrums verdeutlicht – wie überall im Reich – den endgültigen Verlust der politischen Mitte. Es zeigt aber vor allem auch die starke Polarisierung im Ort.